Wunschzettel

Die Schauspieler und SWR-Sprecher Michael Speer und Frank Stöckle lesen ihre Lieblingstexte. Sie bringen das mit, was sie zum Vorlesen unbedingt im Gepäck hätten, wenn sie auf die berühmte einsame Insel müssten und die berühmte Fee ihnen dafür  3 Textwünsche gewähren würde. Speer und Stöckle können sich aber partout nicht auf nur drei Texte festlegen. Sie kennen nämlich noch ein paar Texte mehr, die es unbedingt wert sind, vorgelesen, gespielt oder gesungen zu werden.  Ob nun Friedrich Schiller, Karl Valentin, Philipp Emanuel Geibel , Ernst Jandl oder Georg Büchner: Unterhaltung auf höchstem Niveau ist für beide Ehrensache.

Michael Speer, Lesung, Puppenspiel, Klarinette

Frank Stöckle, Lesung, Gesang, Gitarre

Dauer: 2 x 45 Minuten

Kritik

Sie können das Telefonbuch oder den neuen Koalitionsvertrag vorlesen – man würde ihnen gebannt zuhören. Michael Speer und Frank Stöckle sind begnadete Sprecher, die ihr Hand- bzw. Mundwerk an der Stutgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart gelernt haben. Dort haben sie sich wohl auch kennengelernt, doch ihre Zusammenarbeit als Duo ist fast ein Karlsruher Privileg: Speer und Stöckle haben mit gemeinsamen Auftritten großen Eindruck hinterlassen bei den hiesigen Museumsnächten. Da waren sie in ihrer Textauswahl noch gebunden an ein Oberthema, bei ihrem Auftritt, mit dem sie das Jahresprogramm im Literaturhaus im Prinz-Max-Palais eröffneten, konnten sie sich frei für ihre Lieblingstexte entscheiden.

Das Telefonbuch und der Koalitionsvertrag waren nicht darunter, dafür aber ein Wiener Gstanzl, die Wehklage eines liebeskranken Säufers, dargeboten im besten Weanerisch von Frank Stöckle zur Gitarre, der bei einem eher unbekannten Song von James Taylor den Eindruck erweckt, der etwas in der Versenkung verschwundene Singer/Songwriter persönlich würde seine Stimme erheben. Auch den Paolo Conte gab der vielstimmige italophile Schwabe und da die Instrumentierung nicht ganz hinreichte, simulierte er zudem stimmlich das Zwischenspiel mit der Trompete.

Der Abend war wie eine Wundertüte, die aber nicht mit billigem Krimskrams angefüllt ist, sondern mit lauter Kostbarkeiten. Michael Speer, der unter anderem beim als Sprecher beim SWR beschäftigt ist, gab das Schiller-Poem “Das verschleierte Bild zu Sais” gewissermaßen zweistimmig, so dass dessen dialogische Struktur hörbar wurde. Bei dem Monolog der Schlange aus Kiplings “Dschungelbuch” bewegt er sich schlängelnd durch den Raum und züngelt den englische Text so, dass man sich seiner hypnotischen Wirkung nicht entziehen konnte. In seinem ureigenen Idiom, dem Schwäbischen, erinnert Stöckle daran, das Thaddäus Troll neben dem berühmten Portrait seiner Landsleute (“Deutschland, deine Schwaben”) auch bitterböse Mundartgedichte schrieb, die nicht allen Schwaben gefallen haben dürften. Kostproben aus der eigenen Schreibwerkstatt hatte der in Esslingen lebende Schauspieler, Musiker, Kabarettist auch noch im Gepäck, die vermuten lassen, daß er ein legitimer Erbe von Troll sein könnte. Man kam aus dem Staunen nicht heraus an diesem Abend, der viel größeren Publikumszuspruch verdient gehabt hätte.

Badische Neueste Nachrichten