Stilübungen

Der französische Autor und Sprachakrobat Ramond Queneau schafft es in den 40er Jahren, ein banales Ereignis in Paris  99 mal zu erzählen, ohne dass auch nur eine Sekunde Langeweile entsteht.  Er wechselt die Form, die Perspektive, die Laute – kurz: er betreibt „Stilübungen“.  Wenn Michael Speer & Frank Stöckle (Sprecher beim SWR) diese Stilübungen vortragen kommt man aus dem Staunen und auch aus dem Lachen nicht mehr heraus. Paris wird neu geboren mit all seiner Liebe, seinem Gestank, seinen Reaktionären, seinen Studenten, seinen Clochards, seinen Autobussen und und und …Ulrich Schlumberger zaubert dazu auf dem Akkordeon Piaf-Lieder, Musette-Walzer und französische Volkslieder. Frank Stöckle singt französische Chansons.

Michael Speer, Sprecher

Frank Stöckle, Sprecher, Gitarre, Gesang

Ulrich Schlumberger, Konzertakkordeon

Dauer: 2 x 45 Minuten (kürzbar)

Kritik

99 Geschichten

Wollten Sie an einem Kulturabend , nach getaner Arbeit -endlich entspannt zurückgelehnt in ihrem  abonnierten Sitzplatz – dort dann 30 Mal hintereinander ein und derselben Geschichte lauschen? Ich bitte Sie! Niemand wollte das, selbst wenn der Charme des Vorlesers den eines erfolgreichen Staubsaugervertreters weit übertreffen sollte. Und doch forderte das Winnender Publikum bei der ersten Vorstellung von wort+ton in dieser Saison genau das vom engagierten Bühnenpersonal.

Immer und immer wieder wollten die Zuhörer ihn haben: den Bericht  vom ärgerlichen jungen Mann (im vollbesetzten Pariser Mittagsbus) der, mit Hut, langem Hals und falsch montiertem Knopf ausgestattet, seinen Platz nach vermeintlicher Rempelei räumt. Der Text ist eineinhalb Minuten lang, auf keinen Fall nobelpreisverdächtig, eine schlichte Aneinanderreihung von ein paar wenigen Sätzen ohne Spannungsaufbau, ohne humoristische Färbung, er ist keine Liebesgeschichte, kein Psychodrama, keine Gesellschaftskritik.

Die drei fast  jungen Herren auf der Bühne amüsierten sich dabei wie Bolle. Der eine (Frank Stöckle im Dandykäppi) zupfte gelegentlich die Gitarre, flegelte hin und wieder Sätze über die Bühnenrampe die nicht im Manuskript standen, erwies sich als Liebhaber der französischen Chansonlandschaft  – und trug ansonsten trefflich diese Geschichte vor. Ein Zweiter (Michael Speer ) schrie und flüsterte, betörte und jauchzte in Sakko und gepflegten Designerjeans  -und trug ansonsten vortrefflich diese Geschichte vor. Ein Dritter (Ulrich Schlumberger)träumte entrückt hinter seiner gefalteten Quetschkommode, entlockte ihr derweilen die zauberhafteste französische Musik – und  trug so musikalisch Virtuoses bei zum Themenabend Paris Paris Paris – eine Stadt in 99 Stilen.

Der französische Schriftsteller, Mathematiker und Sprachwissenschaftler Raymond Queneau (geb 1903), Träger von vielsagenden Literaturpreisen wie „Prix du Tabac“ oder „Prix de L´humour noir“   hat jene  banale Begebenheit in einem Pariser Stadtbus  vor 50 Jahren in 99 literarische Varianten verpackt. „Exercyses de style“ – Stilübungen – nannte er sein Werk , das  Jargons, Versmaße und Erzählstile auf höchstem Niveau parodiert. Aus wenigen Sätzen wurden noch weniger oder viel mehr, aus der Sachlichkeit wurde sprühende Wortspielerei,  wahlweise in Alexandrinern, in japanischer Lyrikform,  wurde dadaistisches Klangspiel . Sätze wurden antonymisch, also  ins Gegenteil verkehrt („ein Greis dem der Kopf in den Schultern steckt“), wurden zum Homöoteleuton( „der wohlbestallte Autobus stand an der Halte. Ein junger Balte krawallte, denn der Alte prallte an seine Falte…“) oder zum Distinguo (Geflechte geschnürt, nicht Geschlechte verführt, Sitzplatz und  Blitzsatz …),ein anderes Mal  wurden schlicht nur  Konsonanten versetzt ( …einen Ann mit lehr hangem Sals….rötzlich pledete dieser nerl einen kachbarn an).

Queneaus Varianten sind höchst komisch, anregend und herrlich verschroben. Und die zwei Sprecher auf der Bühne  des Winnender Kunstkellers sahen sich durch sie zu Höchstleistungen angespornt. Ob botanisch oder gastronomisch, ob philosophisch maniriert, subjektiv , bajuwarisch  oder einfach nur laut mit Flüstertüte ( Speer: umwerfend farbig, exakt und gekonnt bis ins kleinste lautmalerische Detail, köstlich als Biene Mayas Freund Willi ) )preschten sie durchs Programm als gälte es einen Prix Comic zu erwerben, der im Übrigen für dieses Programm unbedingt verdient wäre. Dabei zeigten beide, über den Wortwitz hinaus, ein geballtes schauspielerisches Können

(großartig:  Stöckle als Klappentext lesender Reich- Ranicki ), das dem hingerissenen Publikum Tränen vor Lachen in die Augen trieb. Als hochprofessionell, seriös und faszinierend sind die die beiden Künstler in Winnenden wohlbekannt. Sie jedoch so kapriziös, so schmierig, lautstark  und feinfühlig zu erleben,  war eine äußerst charmante Überraschung. Aber mit Solchen wartet die beliebte Winnender Reihe  bekanntlich verlässlich auf. Deshalb: dauf Rin nie ächste unde.

Ursula Quast, Waiblinger Kreiszeitung