LABYRINTH

von Eugen Ruge – deutsche URAUFFÜHRUNG!

ab 16. März 2011

im Theater an der Linde, Weinstadt-Strümpfelbach

Homepage: www.theateranderlin.de

Mit: Oliver Nolte

Regie: Michael Speer, Oliver Nolte

Ich meine, es gibt doch ein Recht auf eine gewisse Identität. Oder? Auf einen Rest Identität! Nachdem alles verschwunden ist … Irgendetwas möchte man doch behalten! Und seien es bloß seine schmutzigen Träume.
Raimund Rapp, Erfinder des Nachtfederballs mit Knicklicht

In „Labyrinth“ wird das gravierendste Ereignis in der jüngeren deutschen Geschichte, die Wiedervereinigung, mal ganz anders betrachtet: RADIKAL MENSCHLICH. Oliver Nolte, Theater- und Filmemacher

Ein Mensch organisiert sich eine Realität. Sein Name. Raimund Rapp, 43. Verheiratet. Mitarbeiter der Firma „Spree Consult“. Schon diese wenigen Fakten, die er sich mühsam zusammenklaubt im Hirn, machen ihm Angst. „Was, wenn ich die Augen öffne, und alles ist plötzlich verschwunden?“

„Ich habe nie sonderlich an der DDR gehangen, im Gegenteil“, sagt Raimund Rapp. „Aber trotzdem war diese DDR einmal da. Und hat einen geprägt. Und eines Tages macht man die Augen auf – und die DDR ist verschwunden.“ Wie soll ein Mensch mit dieser Geschichte noch klarkommen? Raimund Rapp kommt damit nicht zurecht. Er steckt im „Labyrinth“ fest – auf der Suche nach seiner Identität.

Sein Ich löst sich immer mehr auf. Vielleicht löst sich seine Seele auch gerade vom Körper. „Allmählich spüre ich die Kälte des Weltalls … Ich verlasse die Stratosphäre.“ Vielleicht erlebt Ex-DDR-Bürger Raimund Rapp gerade jene Sekunde zwischen Leben und Tod. Vielleicht jagen ihm deshalb diese Erinnerungen durch den Kopf. Und Fragen, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. „Schon ist es Abend. Die Leere nimmt zu.“ Und die letzten Fragen sind immer noch nicht beantwortet. „Woher komme ich? Wohin gehe ich?“

Kritik

Waiblinger Kreiszeitung – 18.03.2011

Paranoia in Perfektion

Uraufführung des Ein-Personen-Stücks „Labyrinth“ von Eugen Ruge im Theater an der Linde

Von unserem Mitarbeiter Michael Riediger

Ein Ossi mit DDR-Deformation, gefangen im Labyrinth der Ängste, der sich in der Konsumwelt des Westens so sehr verliert, dass er nicht mehr weiß, wer er ist, ob die Laktat-Werte noch stimmen und er der Chefsekretärin in den Fuß gebissen hat – Oliver Nolte gab diesen Gehetzten als Paranoia-Performer ersten Grades. Auch wenn das Stück Längen aufweist.

Harter Stoff für eine Kleinkunst-Bühne, die vor allem für ihre Familiarität, ihre verbindende Unterhaltsamkeit beliebt ist: Oliver Nolte, Inhaber, Impressario, Regisseur und heute einziger Darsteller am Theater an der Linde, windet sich auf einer verschieden bunt ausgeleuchteten, ansonsten nahezu nackten Bühne wie unter Krämpfen, stöhnt, spuckt und furzt, gibt Obszönes von sich, fantasiert von halbnackten Kellnerinnen oder den bestrumpftbestrapsten Beinen einer Chefsekretärin, für die er sich gegen Ende sogar selber hält. Was eine drastische Travestie-Szene nach sich zieht, ein Verkleiden in Pumps und Rock, ein Kokettieren und Kichern, ein Stöckeln und Sticheln, wie es diesem Erzkomödianten sicher von Herzen kommt. Das er aber womöglich überzieht. Einziges schauspielerisches Manko neben einer Szene, in der Nolte den Besoffenen gibt – sprachlich auf der Höhe, nur mimisch nicht maximal. Weil eben kaum was so schwer zu spielen ist wie ein Rausch .

Ansonsten ist „Labyrinth“, die Uraufführung des bislang zweiten Eugen-Ruge-Stückes an diesem Theater, ein Triumph der komödiantischen Kunst des Oliver Nolte. Gleichzeitig ist es der gelungene Versuch einer Symbiose von Kleinkunst, wie sie im Strümpfelbacher Saustall von jeher zu Hause ist, und „ernstem“ Theater, eine Gratwanderung zwischen Literatur und der schieren Lust an ihr. Und, vor allem, ein Solo für einen Schauspieler, wie er zumindest im Kreis seinesgleichen sucht. Alle hängen an Noltes Lippen, auch der in der ersten Reihe sitzende Autor Eugen Ruge, etwa wenn der „Saustall“-Chef von „diesem typischen Organzeige-Geräusch“ sauigelt, mit dem sein Chef, Hosen runter, die Sekretärin Fräulein Trichter („Fräulein“ als demaskierende DDR-Vokabel!) „trichtert“. Bis es nur noch darum geht, zu trichtern oder getrichtert zu werden – ein Fazit des DDR-sozialisierten Helden auch bezüglich westlicher Sozialethik. Solch Sprach- und Wort-Witz gehört zum Stück, so wie die Beschreibung unterschiedlicher, meist zwanghafter Unterlegenheitsgefühle des Helden, der traumatisch ein Stück Leber erinnert, das zu essen ihn eine Kindergärtnerin einst zwang, oder die Identitätskrise wegen des ganz plötzlichen verschwundenen DDR-Staates – die Mauer fiel, „und es hat nicht mal richtig geknallt“.

Eine Lebenserfahrung, die zu labyrinthhaften Fragestellungen führt, für den Helden wie für den Zuschauer. Wo findet sich dieser Ralf Rapp, Erfinder des Nacht- federballs, wieder: in der Umkleide einer Sporthalle? Im Büro vor den Füßen der Sekretärin, die er beißt? In den Kerkern der Staatspolizei, weil Rapp irgendwann mal zwanghaft „Rotfront!“ brüllte? Im Notfallzimmer eines Zahnarztes, der ihm das Amalgam ziehen wird? Oder gar in der Vorhölle, im Sinne Sartres und des Stückes „Geschlossene Gesellschaft“?

Manches am Stoff will nicht recht greifen, etwa der Schluss, in dem der halluzinierende Held ins All abdüst, womöglich in den Tod – die Logik sollte nicht zu sehr befragen, wer sich auf dieses Labyrinth einlässt. Dafür wird er auf eine kluge Regie stoßen, die auch multi mediale Effekte wie Musik und Geräusche vom Band geschickt nutzt. Und er wird die Schauspielkunst des Oliver Nolte erleben.

Weinstadt Woche 31.03.2011

Die Wucht des Wahnsinns

Von Jochen Beglau

Ist er beim Zahnarzt? Oder im Stasi-Gefängnis? Nichts ist mehr wie vorher im Leben von Raimund Rapp, Mitarbeiter der Firma Spree Consult, Erfinder des Nachtfederballs mit Knicklicht. Nichts, seit die Mauer fiel und die Realität der DDR sich in Luft aufgelöst hat. Wie auch Raimund Rapps Identität, die er nun verzweifelt sucht.
„Labyrinth – radikal menschlich“ aus der Feder des Autors Eugen Ruge, der auch schon den Stoff für Oliver Noltes „Ruhestörung“ geliefert hat, feierte im Strümpfelbacher Theater an der Linde seine Uraufführung. Und es ist schwer vorstellbar, dass ein anderer als Theaterchef, Schauspieler, Regisseur und (neuerdings auch) Filmemacher Oliver Nolte die Rolle des in seiner mentalen Existenz bedrohten Raimund Rapp auch nur annähernd ergreifend, facettenreich und abgrundtief dunkel ausfüllt. Die schiere Wucht der Emotionen erfüllt den Raum, Worte werden zur Nebensächlichkeit, Betroffenheit macht sich breit. Die Stimmung wechselt binnen Sekunden, Absurditäten, die zunächst zu einem befreienden Lächeln verführen, entpuppen sich im Lauf des 90-minütigen Monologs als ein weiterer schwarzer Abgrund in der Seele des von der Suche Getriebenen, in den er sein Publikum noch tiefer hineinzieht. Kein Stück für schwache Nerven. Aber im wahrsten Sinne des Wortes ganz großes Theater.

Stuttgarter Zeitung 19.03.2011

Es mumpft und trichtert im desolaten Hirn

Weinstadt Die Uraufführung von Eugen Ruges Stück „Labyrinth“ im Theater an der Linde wird zum fulminanten Kraftakt für den Schauspieler Oliver Nolte. Die tragikomische Geschichte um einen Menschen, der sich selbst verliert, geht unter die Haut. Von Thomas Schwarz

Ein Mensch kommt zu sich in einem kahlen Raum. Wo ist er? Beim Zahnarzt im Wartezimmer? „Gleich wird jemand kommen und mich holen.“ Das wäre möglich, es kommt aber niemand, auch wenn sich der Mann einbildet, Schritte zu hören. Oder ist er beim Internisten? Das wäre weniger schön. Schlimmer noch, wenn er von der Stasi geschnappt worden wäre und jetzt in einer Zelle säße. Aber die Stasi gibt es nicht mehr, genauso wenig wie die DDR, in der er früher gelebt hat. So viel kommt über den Namenlosen heraus, der immer mal wieder von seinen „Westfreunden“ spricht, sich aber nicht an seinen Namen erinnern kann. Er weiß, dass er verheiratet und Deutscher ist. Das ist ihm dann aber zu stark. „Ich sage einfach, ich bin ein verheirateter Europäer.“ Das plant er zu antworten, falls ihn gleich jemand fragt. Man muss vorbereitet sein. Es kommt aber niemand. Oliver Nolte, der den Mann im Labyrinth spielt, hat die Bühne im Vorkeller des Theaters an der Linde für sich allein. Als Schauspielmono log wird das Stück von Eugen Ruge angekündigt, das am Mittwoch in Strümpfelbach uraufgeführt wurde. Für Nolte, der zusammen mit seiner Frau Birgit Nolte-Michel das Theater führt, stellt „Labyrinth“ einen Kraftakt sondersgleichen dar, eine Möglichkeit, alle Register seiner Schauspielkunst zu ziehen. So erlebt man einen Menschen, der zwar ob seiner seltsamen Situation verängstigt ist und immer paranoider wird, aber sich dennoch immer wieder über alles Mögliche aufregen kann, selbst über Belanglosigkeiten. Über seinen Chef zum Beispiel, einen Wendegewinner, der die Erfindung des Mannes, den Nachtfederball mit Knicklicht, für seine eigene Idee hält. Oder über die Sekretärin Fräulein Trichter, auf die der Namenlose scharf ist, die aber wohl eher was mit dem Chef hat. „Es mumpft und trichtert, es mumpft und trichtert“, schreit er außer sich, als er sich einbildet, die beiden beim Schäferstündchen zu belauschen. Das wirkt komisch, wird durch den Zustand des Mannes aber konterkariert, der immer mehr abbaut. So beginnt er im Stakkato Satzteile auszuspeien und gebetsmühlenartig zu wiederholen wie das Opfer eines Schaganfalles. Hier bleibt dem Zuschauer das Lachen im Hals stecken. Mit der Zeit wird klar, dass der Mann in einen Verkehrsunfall involviert war und be- wusstlos ist. „Ich habe Blut im Mund“, sagt er, glaubt aber, Fräulein Trichter in den Fuß gebissen zu haben. Auf der Bühne werden die Gedanken sichtbar, die in seinem desolaten Verstand herumgeistern. Noch intensiver wird dies dargestellt, wenn Nolte im Dunkeln einen leuchtenden violetten Ring als künstlichen Mund sprechen lässt. Dann kommen die geheimsten Gedanken des Mannes zum Vorschein, der sich fragt, wer er ist: er selbst oder sein Chef, der glaubt, er zu sein oder vielleicht sogar Fräulein Trichter?

Die DDR habe einfach aufgehört zu existieren, sinniert der Mann: Eben war sie noch da und dann schon weg. Einfach so. „Es hat nicht einmal einen Knall gegeben.“ Zum Schluss hört der Mann auch auf zu existieren, er stirbt. Jeder Tod sei ein Weltuntergang, hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal gesagt. So wie ein ganzer Staat sang- und klanglos verschwand, so löst sich auch die Existenz des Mannes auf, der zum Schluss auf sich selbst schaut und glaubt, in den Weltraum zu entschweben. Seine Träume, seine Begierden, seine Ängste und Vorurteile hat er hinter sich gelassen. Die Inszenierung von Michael Speer und Oliver Nolte setzt einen neuen Akzent im Programm des Theaters an der Linde. „Als kleines Theater sind wir stolz darauf, die Uraufführung machen zu dürfen“, sagte Nolte. Zur Premiere war der Autor Eugen Ruge eigens angereist. 

Der Verlag von LABYRINTH schrieb

“… Nach fast vier Jahren ständiger Premierenbesuche als Verlagsmitarbeiter komme ich immer mehr zu der Erkenntnis: Das wichtige, schöne, mitreißende Theater findet nicht oder nicht mehr in den Staatsbetrieben statt, sondern in kleinen Theatern wie Ihrem. Wenn es darum geht Freude am Theater zu tanken, fahre ich lieber mal wieder quer durch Deutschland zu einer Premiere vom Theater an der Linde in Strümpfelbach, als eine halbe Stunde ins Hamburger Schauspielhaus. ….
…. auch im Namen von Eugen Ruge …. endlich wieder eine positive Theatererfahrung …. eine wunderbare Premiere …. weil einfach alles stimmt…